Workshop Februar 2022: Fotografen und ihre Stile

Bilder sind fester Bestandteil unseres Alltages. Jeden Tag sehen wir Bilder, oftmals hunderte, von überall aus der Welt, in sämtlichen Situationen, mit verschiedensten Motiven aufgenommen von diversen Fotografinnen und Fotografen. Und gerade wir Fotobegeisterten lassen uns gerne von Bildern inspirieren, die andere gemacht und gestaltet haben. Doch nur selten gehen wir dem vagen Gefühl der Inspiration einmal systematisch nach und versuchen dem Ganzen auf die Schliche zu kommen. Das Stichwort lautet hier: Reverse Engineering.

Wie ist dieses Bild eigentlich entstanden und wie wurde es bearbeitet?

Das sind nur die zwei grundlegenden Fragen wie man sie im Prozess des Reverse Engineerings durchläuft. Und genau um einen solchen Prozess mal ganz bewusst zu durchlaufen stand der Workshop im Februar unter dem Thema ‚Fotografen und Ihre Stile’. Ziel des Workshops war es die die stilistischen Charakteristika (Motivauswahl, Aufnahme, Bearbeitung) von drei Fotografen einmal genauer zu betrachten und sich dann praktisch mit Aufnahme- und Bearbeitungstechniken im Stile dieser Fotografen auseinanderzusetzen.

Im Vorfeld des Workshops sammelten wir einige Fotograf*innen, die uns aufgrund ihres besonderen Stils aufgefallen sind und stellten diese beim Stammtisch vor. Mittels Abstimmung entschieden wir uns für 3 Fotograf*innen deren Stile, wir im Rahmen des Workshops am Monatsende genauer untersuchen wollten. 

Die Auseinandersetzung mit einem Fotografen begann zunächst mit einem gemeinsamen Brainstorming, bei dem wir alle unsere (langjährige) Fotografieerfahrungen zusammenlegten um in möglichst kurzer Zeit, viel über die jeweiligen Fotograf*innen und deren Stile zu lernen. Dabei wurden unter anderem die folgenden Fragen anhand einer kleinen Auswahl repräsentativer Bilder diskutiert: 

Motivauswahl: 
Welche Motive / Situationen wählen diese?
Was haben alle Bilder gemeinsam? 
Inwiefern sind sie dennoch verschieden? 

Aufnahme:
Welche technischen Aspekte sind für die Aufnahme wichtig (Kamera & Kameraparameter?)
Welche Regeln der Komposition kommen zur Anwendung? 
Was ist auf den Bildern zu sehen und was nicht?  

Bearbeitung:
Wie sind die Tonwerte im Bild verteilt? 
Gibt es eine bestimmte Palette an charakteristischen Farben? 
Welche globalen / Selektiven Bearbeitungstechniken kamen zum Einsatz?
Wurden bestimmte Effekte verwendet? 

Nach der Theorie kommt bekanntlich die Praxis. Der praktische Anteil des Workshops bestand entweder aus einer RAW-Bearbeitung oder der Aufgabe selbst Bilder in ähnlichem Stil aufzunehmen. Der Workshop fand online statt.

Praxis

Siebe Warmoeskerken

Der Erste Fotograf aus unserer Liste war der niederländische Fotograf Siebe Warmokoersken (vgl. https://unsplash.com/@devetpan). Man nehme alltägliche Situationen und Motive an einem lauen Sommer oder Frühlingstag und paart diese mit warmen, sanften Farben und einem soften Bokeh. So oder so ähnlich lassen sich die Bilder von Siebe beschreiben. Ein Rätsel bleibt jedoch: Wie bearbeitet man diese Bilder nun?

Und so machten wir uns an die Arbeit dem ganzen etwas auf die Spur zu kommen. Zunächst einmal ging es für jede / jeden in die Bildbearbeitung. Mit der Frage im Hinterkopf: Wo verstecken sich nun die ‘Siebe’-Regler? Welche Kombination an Bildeinstellungen braucht es, um dem Bild den typischen ‘Siebe’-Look zu entlocken?

Die Ergebnisse unseres 10 minütigen Herumprobieren, lassen sich oben betrachten. Man sieht sofort, auch wenn der Stil vorgegeben ist und wir alle mit unterschiedlicher Software und Erfahrungsleveln an die Sache herangingen, so hat auch jeder einzelne eine eigene Interpretation davon, was den Stil nun ausmacht. Die meisten von uns versuchten verschiedene Farbtönungen in den unterschiedlichen Helligkeitsbereichen anzubringen – und kamen so zu recht unterschiedlichen Ergebnissen. Am Ende konnte Fabian, der Siebe einige Jahre aktiv verfolgt hat, eine Art Auflösung oder zumindestens einen Lösungsansatz geben.

Um den Look von Siebe zu erhalten, reicht eine reine RAW Bearbeitung nicht aus, vielmehr muss hier mit Farbebenen und dem Mischmodus ‘Ausschluss’ gearbeitet werden. Das verleiht den Bildern einen komplementären Farbkontrast zwischen den hellen und dunklen Bereichen des Bilders und damit einen großen Teil des charakteristischen Bildlooks. Wer weiß, vielleicht wird es die eine oder den anderen dazu motivieren auch mal an einem lauen Frühlings- oder Sommertag loszuziehen, ausgestattet mit einem 50mm Objektiv, um diese Stimmungen einzufangen?

Olga Karlovac

Olga Karlovac (vgl. https://www.olga-karlovac-photography.com/site/) beschreibt sich selbst als abstrakte und Street-Fotografin. Eine Fotografin, die vorwiegend unscharfe Bilder macht. Unscharf, aber zugleich keines Falls unscheinbar. Sie schafft es in ihren Bildern, ihren alltäglichen Stadtspaziergängen durch Zagreb und Dubrovnik eine gewisse Dramatik und Melancholie zu verleihen, und so entstehen ganze Serien bewegender Bilder.

Doch wie genau entstehen nun diese bewegenden Bilder? Durch gezielte Kamerabewegungen, einen Sinn für das richtige Motiv und einer Menge Geduld im Prozess. In der Vorbereitung hatten wir bereits ein Youtube-Video gefunden: Offensichtlich waren wir nicht die ersten, die sich mit Olgas Stil beschäftigt haben.

Unser Versuch der Annäherung an Olgas Bildersprache mündete vor allem in dem Bestreben, ihre offensichtlichen vertikalen Kameraschwenks während der Aufnahme nachzuahmen, und dabei wenn möglich eine menschliche Silhuette als zentrales Motiv einzufangen. Rein technisch verlangt dies eine gute Abstimmung von Belichtungszeit und Bewegungsgeschwindigket, die sich erst nach einiger Übung einstellt. Während des Workshops schnappten sich alle ihre Kamera und drehten eine ausführliche Runde vor der eigenen Haustür, um danach wieder zusammen zu kommen, um die ersten so gemachten Bilder zu vergleichen. Wegen der Kürze der Zeit verzichteten wir dabei weitgehend auf Bearbeitung und nutzten Schwarz-Weiß-Bilder direkt aus der Kamera.

Reichten nun unsere Verusche, mit der beschriebenen Technik die Stimmung und Atmosphäre von Olgas Bildern zu reproduzieren? Sicher nicht, denn niemand von uns verfügt über ihr Auge und ihre visuelle Intuition. Und nicht zuletzt erschöpft sich ihr technisches Arsenal auch nicht in Mitziehern. Das Experimentieren mit dieser Art von Fotografie machte aber überraschend viel Spaß, so dass wir es gleich beim nächsten Freien Fotografieren wieder aufgenommen haben. Die Ergebnisse dazu stellen wir in den nächsten Blogeintrag.

Joshua K. Jackson

Tag ein Tag aus, dieselben Londoner Straßen auf- und abgehen, die Abläufe der Personen zu studieren zu verstehen, und gleichzeitig offen zu sein für das Neue und Unerwartete, das ist was die Straßenfotografie von Joshua Jackson (vgl. https://www.joshkjack.com) ausmacht. Josh versteht es das alltägliche in ein Neues Licht zu rücken oder das richtige Licht im alltäglichen zu finden. In fast all seinen Bilder achtet er darauf, bewusst nicht alles zu zeigen, um Neugierde bei den Betrachtern auszulösen und so eine tiefere Auseinandersetzung mit den Bildern zu bewirken (Stichwort: Curiosity Gap).

Um uns seinem Bildstil anzunähern, konzentrierten wir uns wie schon bei Siebe vor allem auf die Bildbearbeitung. Als erste große Herausforderung dabei erwies sich die Auswahl einer geeigneten Bildvorlage. Wir hatten auf Joshuas Bildern einige häufig vorkommende visuelle Elemente identifiziert: Nachtaufnahmen, Spiel mit Reflektionen und Unschärfe, eine vorwiegend blaue und rote Farbpalette, vereinzelte Menschen als Motiv. Im Vorausgriff hatten wir bereits im vorhergehenden Freien Fotografieren versucht, Bilder in diesem Stil zu produzieren (siehe dieser Blogeintrag), dies allerdings ohne Erfolg. Auch durch Wühlen in unseren Archiven fanden wir nur ein Foto, welches dem Stil Joshuas ungefähr gerecht werden konnte. Es ist von Fabian und zeigt eine Menschengruppe in einem Wartehäuschen auf dem Darmstädter Luisenplatz.

Im ersten Schritt machten wir uns getrennt voneinander an eigene Bearbeitungsversuche. Die Szene hat einen sehr hohen Dynamikumfang, was allein schon eine enorme Herausforderung darstellte. Es erwies sich als ausnehmend schwierig, die Tonwerte und Farben aller Bildelemente richtig aufeinander abzustimmen. Selbst auf einen geeiggneten Bildausschnitt konnten wir uns kaum einigen. Im zweiten Schritt versuchten wir die Bearbeitung in der Gruppe, landeten aber letztendlich wieder bei den gleichen Problemen. Niemand hatte am Ende das Gefühl, der Bildersprache von Joshua K. Jackson sehr viel näher gekommen zu sein. Trotzdem: auch hier war die Erfahrung den Versuch wert.